Interkulturelles Philosophieren – Dem Wahnsinn begegnen

Interkulturelle und dekoloniale Annäherungen an das Phänomen psychischer Erkrankungen 

Es war insbesondere das Paradigma einer Körper-Seele-Dichotomie, welche das Denken über Krankheiten im modernen Westen geprägt hat. Mit neueren Entwicklungen in den Natur- und vor allem den Neurowissenschaften wurden immer engere, kausal gedachte Verbindungen zwischen messbaren und berechenbaren körperlichen Funktionen und geistigen Zuständen hergestellt. Das damit einhergehende Bild eines individualisierten Menschen, dessen psychische Leiden einen kausalen und objektivierbaren Grund haben muss, prägt bis heute den euro-amerikanischen Mainstream-Diskurs. Dies spiegelt sich nicht zuletzt im Aufstieg der Psychiatrie wider, aber auch den objektivierenden Spielarten der Psychotherapie, die zunächst den euro-amerikanischen Raum dominierten und mit der Moderne, dem (Neo-)Kolonialismus und (Kultur-)Imperialismus schließlich um die Welt gingen und gehen.

Während sich der westliche Diskurs dabei weiterhin als universelle Wahrheit präsentiert, entlarven interkulturelle und dekoloniale Orientierungen gerade seine Provinzialität, indem sie nicht nur Kritik an der kulturellen Bedingtheit ihrer epistemischen Voraussetzungen üben, sondern alternative Ansätze im Verständnis von psychischem Leid aufzeigen. So lassen sich in diversen Lebenspraxen und Lebenswelten rund um den Globus unterschiedliche philosophische Herangehensweisen auffinden, die das erlebte Leid sowohl der psychiatrischen Standardnosologie als auch der Binarität von Körper und Seele, Gesundheit und Krankheit, Vernunft und Wahnsinn entziehen.

In diesem Sinne versteht sich das Anliegen dieser Vortragreihe als ein Versuch, das Mainstream-Verständnis von “psychischer Krankheit” zu befragen und die im globalen Kontext verdrängten Positionen eine Stimme zu verleihen. Es werden uns unter anderem folgende Fragen beschäftigen: Welche Rolle kam der Psychiatrie und Psychotherapie in den von Neo-Kolonialismen geprägten Gesellschaften zu? Inwiefern müssten sie heute aus einer interkulturellen und/oder dekolonialen Sichtweise transformiert oder gar dekonstruiert werden? Welche Ansätze zu einer alternativen Ontologie der „Psyche“ bzw. der Erfahrung von „Krankheit“ bieten uns außereuropäische Philosophien? Und schließlich, inmitten der verschiedenen Krisen und Auswirkungen des globalen Kapitalismus, welche alten und neuen Wege können wir finden, um holistisch über Leiden, Pflege und Heilung nachzudenken?

Koordination: Cristina Chițu, Manu Sharma & Murat Ates

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