Postrevolutionärer Film. Nachtrag zur Umwälzung, Aufstand im Rückblick

Datum/Zeit
​Sa 24/05/2014–​So 25/05/2014
16:00–18:00

Ort
IWK

Typ
Tagung

»Jedes Ereignis ist schon vergangen und noch zukünftig« (Gilles Deleuze: »Logik des Sinns«, frz. Original 1969).

Politische Literatur und Theorie konzipieren die Revolution meist als „kommendes“ Ereignis, das radikal neue Welt- und Selbstverhältnisse hervorbringen wird. Insbesondere wird das Revolutionsereignis nicht als Übergang, sondern als Zeitenbruch aufgefasst, oft in messianischer Aufladung oder unter Aspekten von Reinheit gedacht. Dem gegenüber wäre zu fragen, wie ein Zusammenhang zwischen Revolutionen und alltäglichen Erfahrungen gedacht und wahrgenommen werden kann. So gesehen, bedarf das stets unrein eintretende Ereignis der Interpretation, um seinen Sinn (und sei es auch der eines Bruchs) zu gewinnen; eine Perspektive der Nachträglichkeit ist dem Ereignis immer schon eingeschrieben ebenso wie seine Art, „ausständig“ zu sein.

Für die Untersuchung postrevolutionärer Momente im und am Film heißt dies gerade nicht, Revolution zum bloßen Material freier rückwirkender Aneignung oder retrokultureller Stilisierung, zum Objekt von Nostalgie oder von  Geschichts­müllentsorgung zu erklären. Vielmehr steht infrage: Wie schaut Film – als exemplarische Bildform der Nachträglichkeit, in der kein Ereignis eintritt, ohne sich in Interpretation, Ausdruck und Möglichkeitsspektrum aufzufächern – auf „die Revolution“ zurück (auf Revolution schlechthin im Medium bestimmter revolutionärer Prozesse und vice versa)? Auf ihre Gräuel und Glorie, ihren Anteil an Pathos und Pragmatik, insbesondere auf ihr Scheitern, auf die (zeitliche) Distanz zu ihr – und was noch in dieser geschichtlichen Distanz als für „unsere“ Gegenwart zu Interpretierendes nachwirkt.

Diese Fragen werden gewälzt und umgewälzt anhand von Beispielen postrevolutionären Films: anhand von insistierender Bildlichkeit und von Formen des Nachhalls wie auch der Vergegenwärtigung (für und gegen die Gegenwart), anhand ästhetischer, diskursiver und politischer Arten und Weisen von Film, die Welt ebenso wie den Aufstand aufzuheben (sei es „für andere Zeiten“ oder „für uns“). Konkreter gesagt: Zur Diskussion stehen, anhand von Clips, Filme von Eisenstein bis Pasolini, von Cronenberg bis Assayas, Filme zur Revolution in Kuba und in feministischen Kämpfen, zur Japanischen Roten Armee und aus dem Roten Wien.

Programm

Abstracts Vorträge

Samstag, 24.5.2014

Ort: IWK

 

  • 16.00–17.00: Drehli Robnik und Helmut Draxler: Begrüßung und Einleitung
  • 17.00–18.00: Helmut Draxler (Berlin/Nürnberg): Die postrevolutionäre Erfahrung
  • 18.00–19.00: Peter W. Schulze (Bremen): Revolutionsteleologie im Rückspiegel: Auf- und Umbrüche im Nuevo Cine Latinoamericano
  • 19.15–20.15: Ivo Ritzer (Siegen): Pink Politics: Zur Philosophie einer negativen Ethik im postrevolutionären japanischen Genrediskurs
  • 20.15–21.15: Katja Diefenbach (Berlin): In niemandes Zeit. Der Streit um den Begriff des Ereignisses im Postmarxismus

Sonntag, 25.5.2014

Ort: tfm – Institut für Theater-, Film und Medienwissenschaft, Universität Wien

 

  • 11.30–12.30: Stephan Geene (Berlin): Revolutionärer Einsatz: Film
  • 12.30–13.30: Karin Harrasser (Linz): Es wird angefangen haben. Pasolinis Teorema als Theater der Prehensionen
  • 13.30–14.30: Mittagspause
  • 14.30–15.30: Drehli Robnik (Wien): Erbschaft jener Zeit: Treue halten, Abstand halten und filmförmige Verfehlungen zur Revolution – zwischen Purismus & Produktivismus, Badiou, Deleuze & Cronenberg
  • 15.30–16.30: Kerstin Stakemeier (München): Die Sexualisierung der Produktionsmittel. Zum einen Geschlecht in Born in Flames von Lizzie Borden
  • 16.30–17.30: Siegfried Mattl (Wien): Pausenfüller: Rotes Wien im Notizbuch des Mr. Pim (1930)
  • 17.30: Vorläufige Schlussworte

Vortragende

Katja Diefenbach: Theoretikerin, Mitglied des Berliner Verlags- und Buchhandlungskollektivs b_books.

Helmut Draxler: Professor für Kunsttheorie und-vermittlung an der Akademie der bildenden Künste in Nürnberg.

Stephan Geene: Regisseur und Drehbuchautor, Mitglied des Berliner Verlags- und Buchhandlungskollektivs b_books.

Karin Harrasser: Professorin für Kulturwissenschaft an der Kunstuniversität Linz.

Siegfried Mattl: Universitätsdozent am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien und Leiter des Ludwig Boltzmann Instituts für Geschichte und Gesellschaft, Wien.

Ulrich Meurer: derzeit Gastprofessor am tfm – Institut für Theater-, Film und Medienwissenschaft, Universität Wien.

Ivo Ritzer: Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Mediendramaturgie der Johannes Gutenberg Universität Mainz.

Drehli Robnik: Filmwissenschaftler, Mitarbeiter des Ludwig Boltzmann Instituts für Geschichte und Gesellschaft.

Peter W. Schulze: wissenschaftlicher Mitarbeiter der Hispanistik an der Universität Bremen.

Kerstin Stakemeier: Juniorprofessorin am cx centrum für interdisziplinäre studien an der Akademie der Bildenden Künste München.

Moderation: Ulrich Meurer (Wien), Helmut Draxler (Nürnberg), Drehli Robnik (Wien).

Konzeption und Organisation

Drehli Robnik und Helmut Draxler