“23 — Eine Wiener Musikzeitschrift” und Theodor W. Adorno

Datum/Zeit
​Do 23/05/2024
16:00–19:00

Ort
IWK

Typ
Tagung

 

Theodor W. Adorno und Wien: Musik, Ästhetik, Gesellschaftstheorie und die Auseinandersetzungen um die Moderne
Arbeitstagung [im Rahmen dieser Reihe]

“23 — Eine Wiener Musikzeitschrift” und Theodor W. Adorno

 

PROGRAMM

Johann Dvořák: Zur Einführung: “23 — Eine Wiener Musikzeitschrift” [1931 – 1937] und Theodor W. Adorno


Alex Gruber: Mit den Ohren denken. Zu Adornos gesellschaftskritischer Ästhetik

 

Florian Ruttner: Von Lautenunfug und der Tyrannei der Blockflöte. Leitkultur und Zivilisation in Adornos und Křeneks Austausch über die musikpädagogische Musik


Johann Dvořák: “Marginalien zu Mahler” von Hektor Rottweiler. Bemerkungen zur Musik in der Zeit des Austrofaschismus


 

Alex Gruber: Mit den Ohren denken. Zu Adornos gesellschaftskritischer Ästhetik

In seinem 1935 in der Wiener Musikzeitschrift »23« erschienen Aufsatz »Zur Krisis der Musikkritik« versucht Adorno ebenjene Krise als objektive aufzuzeigen: nicht sei sie das subjektive Verfehlen des Gegenstands durch den in seinem Urteil fehlgehenden Kritiker, sondern allgemeine, gesellschaftliche produzierte Inhomogenität von Konsument und Produzent, von Kritiker aber auch Hörer auf der einen, Komponist und Werk samt Reproduktion, sprich: Aufführung auf der anderen Seite.

Diese musikalische »Entfremdung zwischen den Lebenden und ihrer Musik« will Adorno nicht als isoliert ästhetische verstanden wissen, sondern als Moment der allgemeinen gesellschaftlichen Entfremdung, in der Produktion, Zirkulation und Konsumtion, voneinander getrennte und nicht durch Vernunft vermittelte Bereiche darstellen. Die verselbständigt gegeneinander auftretenden Spähern sind vielmehr durch einen hinter dem Rücken der Einzelnen sich herstellenden und vollziehenden gesamtgesellschaftlichen Zwangszusammenhang krisenhaft aufeinander bezogen: »ihre innere Einheit [bewegt] sich in äußeren Gegensätzen« (Marx).

Adorno Krisenbegriff ist also auch in seiner Ästhetik ein an Marx geschulter, der die Krise als in der Warenform – der »Elementarform« des gesellschaftlichen Reichtums im Kapitalismus mit ihrem immanenten Widerspruch von Gebrauchswert und Wert, der sich verdinglicht im Geld darstellen muss – angelegtes Phänomen begreift. Ähnlich wie die Warenform und das Geld den einzelnen als verselbständigt gegenübertreten, stellen sich die Kunstwerke in der Gesellschaft den Einzelnen derart fremd gegenüber, dass diese sich in jenen nicht mehr wiedererkennen – und ihnen in Folge entweder bloß äußerliche Normen auferlegen oder ganz vor ihnen abzudanken.

In solcher Resignation vor ihrem inneren Formgesetz liegt denn auch die Möglichkeit zu jenen der Autonomie der Kunstwerke gegenüber ebenso unverbindlichen wie autoritär verfügten Erklärungen beschlossen, die man heutzutage allenthalben in der Kunstkritik findet, die Kunst habe dem Dialog, der Inklusion und dem Kitten gesellschaftlicher Spaltungen zu dienen.

 

Florian Ruttner: Von Lautenunfug und der Tyrannei der Blockflöte. Leitkultur und Zivilisation in Adornos und Křeneks Austausch über die musikpädagogische Musik

In einem kurzen Austausch im Jahre 1936 zwischen Ernst Křenek und Theodor W. Adorno (unter dem Pseudonym Hektor Rottweiler) auf den Seiten der Wiener Musikzeitschrift „23“ zur Kritik der musikpädagogischen Musik der Jugendbewegung finden sich viele Themen des gesellschaftskritischen und ästhetischen Denkens der beiden wie unter einem Brennglas versammelt. Einerseits diskutieren sie den Zusammenhang von Kunst und Gesellschaft und deren Veränderung, andererseits, konkreter, die implizit in der von der musikpädagogischen Musik der Jugendbewegung sich aussprechende Ideologie eines volksnahen, ursprünglichen und nicht entfremdeten Gesellschaftszustandes, oder besser: Einer regressiven Gemeinschaft, in der die „Stickluft tyrannischer Unterdrückung herrscht“ und das Kollektiv fetischisiert wird.

Gleichzeitig aber deuten Adorno und Křenek aber auch Eckpunkte einer aufklärerischen Musikerziehung an, die nicht der Regression verfällt, sondern die Erkenntnis- und Genussfähigkeit des Individuums entwickelt. Besonders eine Initiative in Prag werden hier genannt, die auch kurz skizziert werden soll.

 

Johann Dvořák: “Marginalien zu Mahler” von Hektor Rottweiler. Bemerkungen zur Musik in der Zeit des Austrofaschismus

Die Randbemerkungen zur Musik Gustav Mahlers [“Bei Gelegenheit des fünfundzwanzigsten Todestages: 18. Mai 1936.”] dienen der vielfältigen Abwehr und Kritik der damaligen Bewertungen durch die Musikologie. Darüber hinaus enthalten sie – z.T. verschlüsselte – Aussagen und Hinweise zu politischen Geschehnissen in Österreich und auf die gesellschaftliche Bedeutung der Mahlerschen Musik.