Was bleibt von der Idee der Weltbürgermoderne?

Datum/Zeit
​Do 16/05/2019–​Fr 17/05/2019
Ganztägig

Ort
Atelierhaus (Semperdepot)

Typ
Tagung

Der Dialog zwischen Kunst und Wissenschaft am Bauhaus

„Unsere Wohnung wird mobiler denn je: … Das Vaterland verfällt. Wir lernen Esperanto. Wir werden Weltbürger.“
Hannes Meyer, Die neue Welt, 1927

Zwischen Österreich und dem Bauhaus gibt es einige Verbindungslinien. Walter Gropius, der Gründungsdirektor des Bauhauses, lud Johannes Itten aufgrund dessen Tätigkeit in Wien nach Weimar ein. Itten prägte dann mit seinem Vorkurs das pädagogische Programm des Bauhauses. Ittens 1917-1919 in seiner Wiener Kunstschule eingesetzte Kunstpädagogik kann dabei durchaus mit anderen in Wien eingesetzten Methoden verglichen werden, so insbesondere mit Franz Cizeks Jugendkunstmethode. Itten nahm auch einige seiner Schüler nach Weimar mit. Es gab noch eine andere Verbindung. Die wissenschaftstheoretische Gruppe Wiener Kreis und das Bauhaus existierten zeitlich etwa parallel, nämlich zwischen 1924 und 1936, respektive zwischen 1919 und 1933. Hannes Meyer, der 1928-1930 als Direktor der Nachfolger von Walter Gropius war, organisierte mehrere Vortragsreihen, um die aktuellen Wissenschaftsentwicklungen am Bauhaus zu diskutieren. Eingeladen waren auch Vertreter der wissenschaftlichen Weltauffassung: Otto Neurath, Herbert Feigl und Rudolf Carnap sowie Hans Reichenbach und Walter Dubislav. Zu dieser Wissenschaftsdiskussion ist auch die vom Redakteur des Bauhaus-Magazins, Ernst Kállai entwickelte Bioromantik zu zählen. Durch die Gastvorträge wollte Meyer einen engeren intellektuellen Austausch zwischen den Auffassungen einer universalen Gestaltmoderne, wie sie am Bauhaus vertreten wurde, und der modernen wissenschaftlichen Weltauffassung des Wiener Kreises initiieren. Doch trotz des gemeinsamen Strebens offenbarte das Aufeinandertreffen von Vertretern von Bauhaus-Moderne und Wiener-Kreis-Moderne auch Unverständnis zwischen Künstlern und Wissenschaftlern. Waren dies disziplinäre Differenzen oder Indizien für grundlegende Bruchstellen innerhalb der Idee der Moderne? Da der damals begonnene Dialog nicht zuletzt durch die politischen Umstände nicht fortgesetzt werden konnte, blieben Fragen offen, die heute noch relevant sind. Lassen sich ein philosophisches und ein architektonisches System in Übereinstimmung bringen? Ist es möglich, eine gemeinsame Sprache oder philosophische „Denkwerkzeuge“ für Gestalter zu entwickeln? Kann oder soll die Architektur auf gesellschaftlich anerkannten Grundelementen fußen, z. B. auf geometrischen Grundformen, auf standardisierten Bauteilen oder heute auf digitalen Codes? War die Idee einer Einheitswissenschaft und eines Einheitsdesigns letztlich zu naiv und zu unpolitisch, und ist so inzwischen fragwürdig geworden? Darf man im postkolonialen Zeitalter weiter danach streben, Weltbürger zu sein? Oder müssen wir als Weltbürgerinnen diese Ideen heute angesichts von populistischen und postfaktischen Bedrohungen neu beleben?
Aus Anlass der Gründung des Bauhauses vor 100 Jahren wollen die Wiener Kreis Gesellschaft, die die Geschichte des Wiener Kreises erforscht, das Institut für Wissenschaft und Kunst, das die Auseinandersetzung zwischen beiden schon im Namen trägt, und das Institut für Kunst und Architektur (IKA) der Akademie der bildenden Künste Wien, deren Entwicklungsziel die künstlerische Forschung ist, auf einer gemeinsam organisierten Konferenz nach dem Ort der Wissenschaft am Bauhaus in den diversen Formen von Pädagogik über Bioromantik, Psychologie und Soziologie bis zum logischen Empirismus fragen. Beiträge von renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie von Master-Studierenden des Instituts für Kunst und Architektur der Akademie der bildenden Künste Wien widmen sich wissenschaftshistorischen und aktuellen Fragestellungen, die am Ende der Konferenz in einer Paneldiskussion gemeinsam diskutiert werden.

Kontakt: ta.ca1563827393.dlib1563827393ka@ll1563827393enhcs1563827393.a1563827393 und ta.ca1563827393.eivi1563827393nu@ia1563827393kok.y1563827393lorak1563827393

Programm

16.05.2019

9:30 Eva Blimlinger / Friedrich Stadler
Begrüßung

9:45 Angelika Schnell / Károly Kókai
Einführung

10:00-10:50 Christoph Wagner
Johannes Itten und die Kunstwissenschaft als Global Art History

11:10-12:00 Angelika Schnell
Bauhaus-Moderne vs. Wiener Moderne

12:00-12:30 Maria Auböck / Carl Auböck
Von Wien nach Weimar. Über die Beziehungen von Wien und Bauhaus

13:30-14:20 Károly Kókai
Rezeption der wissenschaftlichen Weltauffassung des Wiener Kreises am Bauhaus

14:20-15:10 Peter Bernhard
Die zu spät gekommene Unterstützung. Philipp Franks Bauhausvorträge

15:30-17:30 Maximilian Aelfers / Joseph Eckhart / Christina Ehrmann / Elisabeth Fölsche / Gloria Hinterleitner / Naomi Mittempergher
Wiener Bauhauskreis

17.05.2019

10:00-10:50 Anne Siegetsleitner
Vom Geist des Wiener Kreises und dem Lebensgefühl des Bauhauses

11:10-12:00 Hans-Joachim Dahms
Rudolf Carnap, László Moholy-Nagy und der Raum

13:00-13:50 Detlev Schöttker
Reduktion als universelles Prinzip. Von der Denkökonomie zur Designökonomie

14:20-16:00
Schlussmoderation: Philipp Oswalt
Was bleibt von der Weltbürgermoderne?