Robert Musil und die modernen Wissenschaften

Datum/Zeit
​Do 18/10/2018–​Fr 19/10/2018
Ganztägig

Ort
IWK

Reihe
Robert Musil und die modernen Wissenschaften

Typ
Workshop

Donnerstag 18. Oktober 2018

10.30 – 11.30 Uhr Cüneyt Arslan
Zur Modernität des Wiener Kreises und Robert Musils

11.30 – 12.30 Uhr Miklós Rédei
Wissenschaftstheoretische Eigenschaften der Wissenschaft in Robert Musils Mann ohne Eigenschaften

12.30 – 13.30 Uhr Karoly Kokai
Das wissenschaftliche Feld der Zwischenkriegszeit

12.30 – 14.30 Uhr Mittagspause

14.30 – 15.30 Uhr Walter Fanta 
Robert Musils Schreiben als Wissenschaft

15.30 – 16.30 Uhr Peter Plener
Das verwaltete Wissen. Bibliothek und Akt

16.30 – 17.30 Uhr Susanne Gmoser
Musil und Kelsen

Freitag 19. Oktober 2018

9.30 – 10.30 Uhr Stéphanie Bonvarlet
Die Einmischung von Maurice Maeterlinck im Mann ohne Eigenschaften: Wie die „Seele“ in der Wissenschaft auftritt

10.30 – 11.30 Uhr Johann Dvořák
Wissenschaftliche Welterkenntnis und Literatur: Robert Musil als moderner Materialist

11.30 – 12.30 Uhr Artur Boelderl
Musil Mach Stumpf

9.30 – 10.30 Uhr Friedrich Stadler
Über Musil und die modernen Wissenschaften

Konzept und Organisation: Karoly Kokai

Vortragende:

Cüneyt Arslan
Geboren am 10.01.1978 in Frankfurt a.M.; Studium der Germanistik und Philosophie an den Universitäten Istanbul (1999), Sakarya (2002) und Wien (2010); Dr.phil 2010; Univ.-Doz. am FB der Germanistik der Universitäten Sakarya und Marmara (Istanbul); 2017 Habilitation am Council of Higher Education in Ankara; seit 2013 stellvertretender Institutsleiter der Germanistik an der Universität Sakarya; seit 2017 wissenschaftlicher Leiter der Österreich Bibliothek Istanbul; zu den Forschungsschwerpunkten zählen neuere Deutsche Literatur, Wiener Moderne und der Wiener Kreis; zahlreiche Publikationen zur deutschsprachigen Literatur des 19.-21. Jahrhunderts und literarische Übersetzungen deutscher und österreichischer AutorInnen ins Türkische.
www.arslanc.sakarya.edu.tr/

Artur Boelderl
Univ.-Doz. Mag. Dr. phil. Studium der Germanistik und Philosophie, Promotion sub auspiciis praesidentis Rei Publicae in Germanistik (Literaturtheorie) 1995, Habilitation für Philosophie 2006. Seit 2006 Universitätsdozent am Institut für Philosophie der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt (AAU), bis 2013 Assistenzprofessor am Institut für Philosophie der Katholischen Privatuniversität Linz, 2014-2016 Senior Researcher im FWF-Projekt Topographien des Körpers an der Universitätsklinik für Psychoanalyse und Psychotherapie der Medizinischen Universität Wien, 2016-2018 Senior Scientist (Literaturdidaktik) am Institut für Germanistik‐AECC der AAU, derzeit Senior Researcher im FWF-Projekt Musil Online – interdiskursiver Kommentar am Robert-Musil-Institut für Literaturforschung ebenda. Kurator von Musil Online(http://www.musilonline.at). Redaktor des Riss. Zeitschrift für Psychoanalyse Freud-Lacan (http://www.editionriss.com). Arbeitsschwerpunkte: Philosophie des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart, bes. Phänomenologie, Hermeneutik, Dekonstruktion; Philosophie und/der Psychoanalyse; Literatur- und Texttheorie; Literaturvermittlung; (philosophische) Natologie. Aktuelle Buchpublikationen: Welt der Abgründe. Zu Georges Bataille (Hg., Wien-Berlin: Turia + Kant 2015), „Die Zukunft gehört den Phantomen“. Kunst und Politik (in) der Dekonstruktion(Hg. m. M. Leisch-Kiesl, Bielefeld: transcript 2018), Vom Krankmelden und Gesundschreiben. Literatur und/als Psycho-Soma-Poetologie? (Hg., Innsbruck-Wien-Bozen: StudienVerlag 2018).
uni-klu.academia.edu/Boelderl bzw. www.boelderl.net

Stéphanie Bonvarlet
Stéphanie Bonvarlet hat ihr Bachelorstudium in „Germanischen Studien“ an der Universität Paris-Sorbonne abgeschlossen, wo sie unter anderem als Tutorin für jiddische Sprache tätig war. Dort interessierte sie sich besonders für die zentraleuropäische Literatur und führte daher ihr Masterstudium in „Austrian Studies“ an der Universität Wien weiter. Sie schrieb ihre Masterarbeit über Musils Rezeption in Törleß von Maeterlincks Schatz der Armen. Sie befindet sich momentan in Vorbereitung ihrer Dissertation, in der Musil noch im Mittelpunkt stehen würde.

Johann Dvořák
Wissenschaftliche Welterkenntnis und Literatur. Robert Musil als moderner Materialist: Der moderne Materialismus hat stets Gedanken und Taten zusammen gesehen; und ebenso die Erkenntnis und die Gestaltung der Welt durch Arbeit. Robert Musils Vorstellungen von Arbeit, Wissenschaft und Kunst, von Erkenntnis und Gestaltung der Welt wurden in Texten, die parallel zu den Arbeiten am Roman “Der Mann ohne Eigenschaften” entstanden sind, entfaltet, haben aber durchaus Niederschlag im Roman gefunden. Die Produktion literarischer Texte und ihre produktive Konsumtion durch ein lesendes und sich mit den Texten kritisch auseinandersetzendes Publikum wurden von ihm als Möglichkeit der Erkenntnis der Welt im Rahmen einer Institution und eines Prozesses LITERATUR gesehen. Dies soll an Hand diverser kleiner Aufsätze von Robert Musil, aber vor allem auch am Beispiel des Romans “Der Mann ohne Eigenschaften” gezeigt werden.

Johann Dvořák:  Univ.Doz. Dr. Johann Dvorak ist am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien tätig. Arbeitsschwerpunkte sind die Entstehung und Entwicklung des modernen Staates; Politik und Kultur der Moderne; politische Bildungsarbeit mit Erwachsenen. Arbeiten über Robert Musil: Moderne Literatur als soziale Institution bei Robert Musil In: Johann Dvorak: Theodor W. Adorno und die Wiener Moderne (Frankfurt/M.: Peter Lang 2005) 85 – 92. Über die Arbeit im staatlichen Amte im Roman “Mann ohne Eigenschaften” von Robert Musil”. In: H. und W. Beutin u.a. (Hg.): Reich der Notwendigkeit – Reich der Freiheit.       Arbeitswelten in Literatur und Kunst (Mössingen-Thalheim: Thalheimer Verlag 2018) 221 – 238. Die Österreichische Revolution 1918 in den Schriften von Karl Kraus und Robert Musil (erscheint 2019).

Walter Fanta
Walter Fanta ist seit 2004 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Robert-Musil-Institut für Literaturforschung / Kärntner Literaturarchiv an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt und seit 2016 Mitkurator des Internetportals Musil Online des Musil-Instituts und Herausgeber der 12bändigen Musil Gesamtausgabe beim Verlag Jung und Jung in Salzburg. Er war auch Mitherausgeber der digitalen Klagenfurter Ausgabe Robert Musils (DVD-Edition 2009) und Mitarbeiter an der Robert-Musil-Nachlass-Transkription (1985-1992; publiziert 1992 als CD-ROM).
www.musilonline.at und www.aau.at/musil/team/fanta-walter

Susanne Gmoser
Nach dem Studium der Geschichte (Mag.phil. 2010), Politikwissenschaft (BA 2012) und Rechtswissenschaft an der Universität Wien Beschäftigung als Studienassistentin am Institut für Rechtsgeschichte sowie im Drittmittelbereich des Instituts für Politikwissenschaft der Univ. Wien; seit 2013 Mitarbeit im Verzeichnungs- und Erschließungsprojekt „Die Akten des kaiserlichen Reichshofrats“ (Kooperationsprojekt Univ. Wien, Akad. d. Wiss. Göttingen, ÖStA). Momentan Vorbereitung einer MA-Arbeit, die sich Kelsens Auseinandersetzung mit dem Austromarxismus widmet.

Musil und Kelsen: Möglichkeit und Wirklichkeit „Wenn es Wirklichkeitssinn gibt, und niemand wird bezweifeln, daß er seine Daseinsberechtigung hat, muss es auch Möglichkeitssinn geben“ – so Musil in einem der ersten Kapitel seines Hauptwerks. Dass Juristen über einen stark ausgeprägten Sinn für Wirklichkeit verfügen, wusste der Autor aus eigener Erfahrung und so wird dem Romanhelden und Protagonisten Ulrich, dem weltoffenen „Mann ohne Eigenschaften“ auch der strenge und pragmatische Wirklichkeitssinn seines Vaters, eines erfolgreichen Juristen, gegenübergestellt. Dass die Dichotomie von Möglichkeit und Wirklichkeit zu einer regen Auseinandersetzung mit dem Rechtspositivismus Kelsen’scher Prägung führte, dafür lassen sich in Musils Werk etliche Belege finden. Denn wie der Positivismus generell, so ist auch Kelsen, der vielleicht konsequenteste Rechtstheoretiker des 20. Jahrhunderts, in seinen Überlegungen von Faktizität, objektiver Nachweisbarkeit und maximaler spekulativer Zurückhaltung geleitet. Diese Haltung des Positivismus ist aber nicht nur seine Stärke, sie stellt zugleich auch eine Schwäche dar: ob ihrer „Rationalitätsversessenheit“ wurde sie selbst als illusionär kritisiert – und das nicht zuletzt vom Autor des Mannes ohne Eigenschaften.

Károly Kókai
Privatdozent am Institut für Europäische und Vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaft Abteilung Finno-Ugristik der Universität Wien. Forschungsschwerpunkte Kunst und Literatur der Avantgarde in Mitteleuropa; kulturelle Aspekte der Migration; Kulturgeschichte Mitteleuropas. Neuere Publikationen Ungarn. Geschichte und Kultur Columbia 2017 und zusammen mit Norbert Bachleitner, Ina Hein und Sandra Vlasta Herausgeber von Brüchige Texte, brüchige Identitäten. Avantgardistisches und exophones Schreiben von der klassischen Moderne bis zur Gegenwart Göttingen 2018.homepage.univie.ac.at/karoly.kokai/

Peter Plener
Peter Plener ist Literatur-, Medienwissenschafter und Historiker. 1993-2005 Lehre an Universitäten, seit 2004 Tätigkeiten im Parlament, im Bundespressedienst, in div. Regierungskabinetten und in der Sektion öffentlicher Dienst und Verwaltungsinnovation. Forschungsschwerpunkte und Publikationen zu Literatur, Medientheorie und -geschichte, Fußball, österr.-ungar. Monarchie sowie Verwaltung, Kulturtechniken und Digitalisierung. Publikationen zum thematischen Umfeld: Aktenzeichen MoE. Bürokratie und Krieg 1914-1918. In: Kerekes, Amália u.a. (Hg.): denken, schreiben, tun. Politische Handlungsfähigkeit in Theorie, Literatur und Medien. Frankfurt/M.: Peter Lang 2018 [im Druck]; Annotation, Bleistiftspur und Cetologie. In: Huber, Christian/Innerhofer, Roland (Hg.): Spielräume. Wien: Löcker 2016, S. 54-62;Der Medienverbund Kriegspressequartier und sein technoromantisches Abenteuer 1914-1918. Eine Auflösung. In: Car, Milka/ Lughofer, Johann Georg (Hg.): Repräsentationen des Ersten Weltkriegs in zentraleuropäischen Literaturen. Zagreb: Dominović 2016, S. 255-270; Als die Bilder in den Krieg zu laufen lernten. Die Rolle des Films im Medienverbund des Kriegspressequartiers 1914-1918. In: Kieninger, Ernst/ Loacker, Armin/ Wostry, Nikolaus (Hg.): Archiv der Schaulust. Eine Geschichte des frühen Kinos in der k.u.k. Ära 1896-1918. Wien: Filmarchiv Austria 2016, S. 363-377; »Extraausgabee -!« In: Colpan, Sema u. a. (Hg.): Kulturmanöver. Das k.u.k. Kriegspressequartier und die Mobilisierung von Wort und Bild. Frankfurt/M.: Peter Lang 2015, S.355-369.

Miklós Rédei
Wissenschaftstheoretische Eigenschaften der Wissenschaft in Robert Musils Mann ohne Eigenschaften. Die Hauptthese in diesem Vortrag ist, dass man Musils Roman Mann ohne Eigenschaften als ein Versuch ansehen kann, in dem die lebensphilosophischen Konsequenzen der Wissenschaftsauffassung des logischen Postivismus gezogen werden. Wo logischer Positivismus ein einfaches Demarkationsproblem sah, welches nach den Vertretern des logischen Positivismus durch ein einziges Prinzip, das Prinzip der Verifikation, im Prinzip beiseitigt werden kann, sieht aber Musil den Zussammenstoß von zwei wesentlichen Seiten der menschlichen Existenz, die nicht offenbar kompatibel sind: die rationale Seite, die angeblich klare und rationale Welt der wissenschaftlichen Erkenntnisse, und die nicht-rationale Seite, die Welt die jenseits von Wissenschaften liegt, die Welt von Gefülhen und Subjektivität, die Welt der Seele. In dem Vortrag zeige ich wie Musil die Wissenschaften sieht, wie seine Wissenshaftsauffassung durch die Ideen des logischen Positivismus beeinflusst ist, und wie er die Spannung zwischen Wissenschaft und Subjektivität darstellt. Musil interpretiert Humanität als die Verwirklichung der Einheit von diesen zwei menschlichen Lebenshälften, in seinem Roman bietet er aber keinen Weg, der zu der Verwirklichung dieser Einheit führe.

Miklós Rédei ist Professor der Philosophie in the Department of Philosophy, Logic and Scientific Method, London School of Economics. Promotion: Loránd Eötvös Universität, Budapest, Ungarn, 1982. Forschungsgebiet: Wissenschaftstheorie, Philosophie der Physik, Grundlagen der Wahrscheinlichkeitstheorie. Gastaufenthalte: Center for Philosophy of Science University of Pittsburgh (1994-1995), Dibner Institute for History of Science and Technology (MIT) (1998), Utrecht Universität (2006), Center for Mathematical Philosophy, Ludwig Maximilian Universität, München (2018-2019).

Friedrich Stadler
Friedrich Stadler, Professor Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftsphilosophie der Universität Wien bis 2016. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am IWK, 1991 Begründer und Vorstand des Instituts Wiener Kreis, das 2011 an der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft errichtet wurde. Seitdem auch wissenschaftlicher Leiter des Vereins „Wiener Kreis Gesellschaft“. 2016 Jan Patočka Preis der Tschechischen Akademie der Wissenschaften. 2017 George Sarton Medaille der Universität Gent. 2009-2013 Präsident der European Philosophy of Science Association (EPSA). Seit 2015 Präsident der Österreichischen Ludwig Wittgenstein Gesellschaft (ÖLWG). Zahlreiche Publikationen inkl. Ausstellungen zur Geschichte und Philosophie der modernen Wissenschaften (Schwerpunkt Wiener Kreis und Logischer Empirismus), zur Exil- und Emigrationsforschung („Vertriebene Vernunft“) und zur Wiener Universitätsgeschichte als Gesamtherausgeber von 4 Bänden (2015). 2015 Kurator (mit K. Sigmund und Chr. Limbeck-Lilienau) der Wiener Kreis Ausstellung im Hauptgebäude der Universität Wien mit Bezügen zur Literatur, Kunst und Kulturpolitik mit Katalog-Buch.
www.univie.ac.at/ivc/ und wienerkreis.univie.ac.at/das-institut/