PROGRAMM (10:00-12:00 & 13:00-16:00)
Johann Dvořák: Der “Verband sozialistischer Studenten Österreichs” (VSSTÖ) und die Einladungen Theodor W. Adornos an die Universität Wien
Florian Ruttner: „… daß die Sexualität, die schon gar nicht mehr ein bißchen pervers ist, daß die auch gar keine Sexualität mehr ist“. Theodor W. Adornos Vortrag Sexualtabus und Recht heute in Wien
Alexander Gruber: Als Adorno Wien die Moderne näherbringen wollte
Markus Vorzellner: Vom “Klagenden Lied” zum störenden Ich. Der Stellenwert Mahlerschen Schaffens innerhalb der Musikphilosophie des Theodor W. Adorno
Clemens Braun: Die Resistenzkraft der Entäußerung. Zu Adornos »Kultur und Culture«-Vorträgen mit einem Exkurs zur Gemütlichkeit
ABSTRACTS
Johann Dvořák: Der “Verband sozialistischer Studenten Österreichs” (VSSTÖ) und die Einladungen Theodor W. Adornos an die Universität Wien
Vor dem Hintergrund der allgemeinen gesellschaftlichen Lage im Österreich der späten 1960er Jahre wird die politische Stellung und Funktion des VSSTÖ als marxistisch orientierte linkssozialistische Opposition innerhalb der Sozialistischen Partei Österreichs (SPÖ) und als eigenständige linke Gruppierung am Rande der SPÖ skizziert.
Die Einladungen Adornos gehörten zu einer Reihe von Versuchen, linke radikale Theorien aus Europa (jenseits der sozialdemokratischen und kommunistischen Parteien) in Österreich einzuführen. Adorno wurde nicht seitens der Universität eingeladen, sondern von einer Studentenorganisation, die als Teil der Österreichischen Hochschülerschaft (einer Körperschaft öffentlichen Rechts) Veranstaltungen in den Räumen der Universität durchführen durfte.
Florian Ruttner: „… daß die Sexualität, die schon gar nicht mehr ein bißchen pervers ist, daß die auch gar keine Sexualität mehr ist“. Theodor W. Adornos Vortrag Sexualtabus und Recht heute in Wien
Im Oktober 1967 wurde Theodor W. Adorno vom Verband Sozialistischer Studenten nach Wien eingeladen, um im Rahmen einer Veranstaltungsreihe mit dem Titel „Sexualität ist nicht pervers“ zu sprechen, die sich gegen von der Regierung Klaus II geplante Änderungen im österreichischen Strafrecht richtete. Dieser Einladung kam Adorno gerne nach und er sprach unter dem Titel Sexualtabus und Recht heute. Dieser Vortrag ist aber nicht vollauf mit dem in den Eingriffen und später den Gesammelten Schriften ident, wie der erhaltene Mitschnitt zeigt. Adorno entwickelte nicht nur die These von der Austreibung der Partialtriebe durch die moderne Sexualmoral, sondern kritisierte in diesem Zusammenhang den Titel der Veranstaltungsreihe, wie seine zugespitzte Aussage zeigt, die dem aktuellen Vortrag den Titel gibt, auch wenn Adorno fürchtete, wegen ihr „idiotisch zitiert“ zu werden.
Der Vortrag wird nicht nur die Grundthesen der Ausführungen Adornos darlegen, sondern auch versuchen, deren Interventionscharakter, von dem der Audiomitschnitt zeugt, gerecht zu werden.
Alexander Gruber: Als Adorno Wien die Moderne näherbringen wollte
Als Theodor W. Adorno 1960 anlässlich von Gustav Mahlers 100. Geburtstag eine Gedenkrede im Wiener Musikverein hielt, blieb der Mozart-Saal weitgehend leer. »Ein leerer Saal, ein in absoluter Rekordzeit verlesenes Manuskript, kurzer Applaus und fluchtartige Räumung des »Lokals« – Konkursversammlung des Vereins zur Bekämpfung der Gefahr des Gefahrlosen? Nein – es war der Gustav-Mahler-Festvortrag von Prof. Theodor W. Adorno«, kommentierte der Kurier damals einigermaßen spöttisch. »Adornos Königsidee, die musikalische Zelle so zu analysieren, daß sie das Allgemeine des gesellschaftlichen Vorgangs offenbart, wird als Spurlinie aus keiner späteren theoretischen Beschäftigung mit Musik mehr zu tilgen sein«, schrieb Harald Kaufmann etwas später hoffnungsvoll in einer Rezension der Gedenkrede. Wie sehr hier der Wunsch der Vater des Gedankens war, zeigte sich etwa daran, dass selbst in einem Buch wie Heinz Steinerts Adorno in Wien, das Gustav Mahler und seiner Rezeption ein eigenes Kapitel widmet, die Gedenkrede von 1960 ignoriert wird. Darum, was Adorno in seinem Mahlervortrag referierte und das in Wien offensichtlich niemand hören wollte, wird es in diesem Beitrag gehen.
Markus Vorzellner: Vom “Klagenden Lied” zum störenden Ich. Der Stellenwert Mahlerschen Schaffens innerhalb der Musikphilosophie des Theodor W. Adorno
Wie beurteilt Adorno das Schaffen von Gustav Mahler?
Auf diese Frage kann der Vortrag keine umfassende Antwort geben, sondern nur gewisse Aspekte hervorkehren. Inwieweit ist das Prinzip der Störung in Adornos Sichtweise für Mahlers Musik konstituierend? Worin bestehen dies Störungen? Wann treten sie in seinem Werk zum ersten Mal auf? Durchziehen sie sein Gesamtwerk? Diese Fragen zueinander, wie auch mit dem Weltbild Adornos in Relation zu setzen, wird Aufgabe der Ausführungen sein.
Clemens Braun: Die Resistenzkraft der Entäußerung. Zu Adornos »Kultur und Culture«-Vorträgen mit einem Exkurs zur Gemütlichkeit
Keinen Vortrag hält Adorno nach seiner Rückkehr in die Bundesrepublik (mit Variationen) häufiger als den vergleichsweise wenig rezipierten Kultur und Culture; ein bezeichnender Umstand angesichts einer nicht nur zeitgenössischen Wahrnehmung der Kritischen Theorie, die dieser bestenfalls Desinteresse, im Zweifelsfall aber Verachtung für die USA unterstellt. Später passagenweise in den Aufsatz Wissenschaftliche Erfahrungen in Amerika bzw. dessen Begleitstück Auf die Frage: Was ist deutsch eingegangen, setzen die Vorträge beim Vergleich deutscher und anglo-amerikanischer Kulturbegriffe an und entwickeln eine Kritik nicht nur des Antiamerikanismus, sondern der mit ihm verknüpften ›fatalen Antithese‹ von zivilisatorisch-künstlicher Flachheit und kulturell-organischer Tiefe überhaupt. Indem sie fokussieren, was sich im Dienst eines abstrakten Idealismus in der sogenannten Geisteskultur selbstgerecht gegen das äußere Leben verbarrikadiert, zeigt Adorno die in Europa so gern verteufelte amerikanische Veräußerlichung ausdrücklich als Humanisierungsprozess, »gleichsam von außen nach innen«, aus dem sich eine »Resistenzkraft gegen faschistische Strömungen« schlechthin speist.
