Monster im Innen und Außen: Vorboten des Faschismus?

Datum/Zeit
​Fr. 30/10/2026
14:00–19:00

Ort
IWK

Typ
Workshop

Eine Einführung in die psychoanalytische und künstlerische Arbeit Marion Milners.

“The art is in the act of seeing.” — Kae Tempest

Mit Dr. Jan Niggemann (oieb)

Marion Milner war eine britische Psychoanalytikerin und leidenschaftliche Malerin, deren zentrales Interesse dem Zusammenhang von Kreativität und Symbolbildung galt. Kreativität verstand sie unter anderem als die Fähigkeit, Symbole zu bilden. Symbole stehen dabei nicht lediglich im Dienst von Abwehr oder Wiedergutmachung, sondern eröffnen Möglichkeiten, etwas Neues hervorzubringen. Das gerade erst ins Deutsche übersetzte Buch „A Life of One’s Own“ (1934), das sie unter dem Pseudonym Johana Field verfasste, bietet einen frühen Zugang zu ihrem Denken. Sie beschreibt die Bedrohung der 1930er Jahre als Begegnung mit „monsters within and without“, also mit Kräften, die zugleich im Inneren des Subjekts wie auch in der politischen Realität wirksam sind. Künstlerisches Schaffen und therapeutischer Prozess stehen dabei in einem wechselseitigen Verhältnis und können sich gegenseitig fördern oderblockieren. Kreatives Spielen und Zeichnen bilden in Milners Praxis zentrale Elemente der Transformation innerhalb der analytischen Begegnung. Ihre Behandlungstechnik basiert auf der Förderung der Kreativität der Klient:innen; psychisches Wachstum entwickelt sich wesentlich im Medium der Beziehung zwischen Therapeut:innen und Klient:innen.

In ihrem Buch On Not Being Able to Paint (1950) – auf Deutsch erschienen als Zeichnen und Malen ohne Scheu. Ein Weg zur kreativen Befreiung (1988) – beschreibt sie eindrücklich, wie die Hemmung von Kreativität und Ausdruck mit der Angst vor einer Verschmelzung von Selbst und Objekt verbunden sein kann. Milner hebt die Bedeutung des Arbeitens mit fließenden Übergängen sowie mit „biegsamen Objekten und Medien“ (pliable objects and mediums) hervor – sowohl für die künstlerische als auch für die psychoanalytische Praxis. Den Akt des Bildermachens begreift sie als eine reparative Erfahrung innerhalb einer wechselseitigen Beziehung zum Anderen, die gehalten und ermöglicht wird. Den schöpferischen Prozess erforscht Milner auch anhand ihrer eigenen Erfahrungen mit der Malerei und reflektiert dabei die psychologischen Barrieren, die künstlerischen Ausdruck hemmen können. Dabei wird die enge Verbindung zwischen Kreativität und Selbsterkenntnis sichtbar. Besonders in Zeiten der Krisen und Katastrophen bieten ihre Argumente für die Imaginationsfähigkeit und die emotionale Gegenwehr zu faschistischen Angeboten eine ganz eigene Brisanz, die wir uns gemeinsam erschliessen werden.

Warum Milner bislang nur selten ins Deutsche übersetzt wurde, ist eine der Fragen, denen wir im Rahmen dieses Workshops nachgehen werden.

Workshop-Charakter und Arbeitsweise

Der Workshop versteht sich nicht als klassische Reading Group, sondern als gemeinsamer Arbeits- und Erfahrungsraum. Die intensive Auseinandersetzung mit Milners Texten wird mit praktischen Zugängen verbunden, um ihre Ideen nicht nur theoretisch zu erschließen, sondern auch erfahrbar zu machen.

Ausgehend von ausgewählten Texten (1934–1988) arbeiten wir uns durch zentrale Begriffe und Denkbewegungen Milners. Kurze Inputs geben kontextuelle Einblicke in die Entstehung ihrer Texte und Konzepte.

Darüber hinaus werden experimentelle und spielerische Elemente integriert: etwa kleine zeichnerische Übungen oder analytisch inspirierte Zugänge. Diese dienen dazu, Milners Verständnis von Kreativität, Symbolbildung und Beziehung praktisch zu erkunden. Eine gemeinsame Online-Plattform stellt Texte zur Verfügung und bietet Raum für Notizen, Austausch und Weiterarbeit zwischen den Treffen.

Für wen ist der Workshop?

Der Workshop richtet sich an Studierende, Lehrende und Praktiker:innen aus Psychologie, Kunst und Bildungswissenschaften sowie an alle, die sich für Marion Milners Werk interessieren. Teilnehmende mit Vorerfahrung sind eingeladen, ihr Wissen zugänglich und verständlich einzubringen, um ein offenes Lernklima zu schaffen, in dem sich alle beteiligen können.