Welche politischen, soziologischen und literarischen Fäden laufen in diesem Jahr zusammen oder gehen von ihm aus.?Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang das weite Feld musikalischer Aktivitäten? Durch welche Medien findet deren Verbreitung statt?
Diese und weitere Fragen sollen beim ersten musikologischen Kongress im Rahmen des IWK beleuchtet und erörtert werden. Durch die Zusammenarbeit mit der Österreichischen Mediathek ist es obendrein möglich, eine Vielzahl von Medien in die Erörterungen miteinzubeziehen.
Programm
19. November 2026
Einführende Worte
Alfred Pfoser: Wendepunkt 1936. Das langsame Anschluss der österreichischen Kultur
Während im NS-Deutschland durch die Aufrüstung Vollbeschäftigung zur Norm wurde, gab es Österreich sichtbares Elend. In der subjektiven Wahrnehmung der Betroffenen ging es den Kulturschaffenden besonders schlecht. Auch wenn die führenden Repräsentanten bei jeder Gelegenheit betonten, dass sich die Österreicher:innen durch eine besondere Kulturbegabung auszeichneten, herrschten im Land miserable Bedingungen im Kunstbetrieb. Das Juliabkommen 1936 sollte den deutschen Druck auf ein selbständiges Österreich mindern. Die Absichten der Regierung waren allerdings anders als die Realität. Als Konsequenz geriet das Land mehr und mehr in den Sog eines „evolutionären Anschlusses“. Auch im Bereich der Kultur.
Cornelia Szabo Knotik: „Unser“ Liszt. Aspekte zu den Feiern zum 50. Todestag
Im Burgenland als seit 1921 Österreichs „jüngstem“ Bundesland war es in den folgenden Jahren wichtig, die westungarische Prägung abzustreifen und deshalb – ungeachtet der tatsächlichen Verhältnisse – die Zugehörigkeit zur deutschen Mehrheitsbevölkerung zu betonen, wie es auch vor allem seit 1933/34 der politischen Ausrichtung des gesamten Staates entsprach.
Die Feiern zum 50. Todestag des Komponisten 1936 wurden daher im Ständestaat der Dollfuss-Schuschnigg Diktatur zu einer vielfältigen Demonstration seiner „deutschen“ Herkunft und Zugehörigkeit, während sie im Gegensatz dazu im Ungarn des Reichsverwesers Horthy ebenso vielfältig die ungarische Nationalität Liszts hervorhoben.
Es ist das Ziel dieses Vortrags, anhand konkreter Beispiele von den Jubiläumsfeiern, von Film und Bühne, aber auch von literarischen und wissenschaftlich sich gebenden Publikationen, diese Auseinandersetzung nachzuzeichnen und deren jeweilige Motive und Strategien darzustellen.
Hermann Schlösser: Die Kleinbühne als Freiraum
Zwischen 1934 und 1938 unterlagen die Wiener Kleinbühnen und Kabaretts der Zensur, aber wie aus Zeitzeugenberichten hervorgeht, ist es immer wieder gelungen, die Vorgaben der Zensoren durch ironische Darstellungsweisen zu unterlaufen.
Es gab im Austrofaschismus kleine, durchaus gefährdete Freiräume, die von kritischen Geistern genutzt werden konnten, so lange sie den Halbschatten der geringen Resonanz nicht verließen. Die Wiener Kleinkünstler und -künstlerinnen haben diesen Spielraum phantasievoll genutzt und dabei einiges zustande gebracht, was vergleichbaren Bühnen im nationalsozialistischen Deutschland schon längst nicht mehr möglich war. Die Lage in Wien lässt sich also mit den Worten „Das Abseits als sicherer Ort“ charakterisieren, die Peter Brückner einst zum Titel seiner Autobiographie gemacht hat.
20. November 2026
Wolfgang Maderthaner: Der Austrofaschismus. Karl Renners Memorandum 1936
Der Umsturz des Jahres 1934 habe nichts Anderes bewirkt, als dass “Aristokraten, Offiziere der alten Armee, unbeschäftigte Bureaukraten, Schützlinge des Klerus (C.V. katholische Studentenverbindung) alle Stellen besetzt und alle Geldquellen für sich flüssig gemacht haben.” Das Regime, so Karl Renner in einem Memorandum aus dem Jahre 1936, bedeute keine Abwehr, sondern “die sichere Vorbereitung des Anschlusses.” Es habe keine einzige tragfähige Idee, und versuche, wesentliche Elemente faschistischer Ideologie mit katholischem Klerikalismus zu verknüpfen. Mit der Ausschaltung der Heimwehr 1936 hat es sich seines am italienischen Faschismus orientierten Bündnispartners entledigt, sein bürokratischer Charakter trat stärker in den Vordergrund. Unfähig, sich eine breitere Massenbasis zu schaffen, schwankte die autoritäre Diktatur zwischen Brutalität und Zugeständnissen ständig hin und her, ohne Selbstsicherheit und ohne innere Autorität.
Christian Glanz: Der bedrängte Apostel. Bruno Walter als Mahler – Anwalt im Gedenkjahr 1936
Die Mahler-Feiern 1936 erfüllten durchaus die Funktion von Vereinnahmungsversuchen seitens der austrofaschistischen Kulturpolitik. Im Rahmen der Ausführungen werden Deutungen, Aufführungen / Einspielungen – und dabei speziell die Rolle von Bruno Walter (über Alma und auch sonst enge Kontakte zur Spitze des Austrofaschismus, seine Rolle als de facto Staatsoperndirektor) mit einem Schwerpunkt auf dessen Mahler-Buch beleuchtet. Aus dem Bestand der Phonothek sollen – im Zusammenhang mit Interpretationsfragen – entsprechende Einspielungen vorgestellt werden.
Anita Mayer-Hirzberger: Volkspädagogische Arbeit auf dem Land. Das RAVAG-Volksliedersingen am Pöstlingberg, 1936.
Von 1932/34 bis 1937 organisierten Vertreter der Volksliedpflege beauftragt von der RAVAG Volksliedersingen im ländlichen Raum, das direkt im Rundfunk übertragen würde. 1936 fand das achte Volksliedsingen auf dem Linzer Pöstlingberg statt. Die dabei entstandenen Tonaufnahmen gelten heute als bedeutende Quellen der österreichischen Volksmusikgeschichte und wurden 2014 in das UNESCO-Programm „Memory of the World“ aufgenommen.
Der Vortrag zeigt, dass diese Aufnahmen weit mehr sind als Dokumente der Volksliedforschung. Volkslieder galten als besonders geeignetes Repertoire für die musikalische „Volksbildung“ und sollten über Großveranstaltungen wie das Pöstlingberger Volksliedersingen sowie über das Massenmedium Rundfunk einer breiten Bevölkerung vermittelt werden. Dabei wurden sie bewusst als kulturell wertvolle Alternative zur populären Unterhaltungsmusik – insbesondere zu Schlagern – präsentiert. Zugleich eignete sich das Volkslied aufgrund seiner identitätsstiftenden Funktion als Träger ideologischer Botschaften. Das Volksliedersingen am Pöstlingberg im Jahr 1936 eröffnet daher auch einen Einblick in die kulturpolitischen Zielsetzungen des Austrofaschismus.
Anhand dieser Veranstaltung wird untersucht, wie Rundfunk, Volksmusikpflege und Kulturpolitik miteinander verflochten waren und welche Rolle sie bei der Vermittlung politischer und gesellschaftlicher Vorstellungen spielte.
Clemens Zoidl: Eine Großmeisterin der Wiener Kleinkunst tauft Ätherschiffe. Die Chansoniere Christl Giampietro und ihre kabarettistischen Beiträge zum Jahr 1936
Die einst beliebte Vortragskünstlerin der Wiener Kabarettszene Christl Giampietro geriet nach Emigration und Rückkehr im Lauf der Nachkriegszeit in Vergessenheit und fristet heute ein recht unbeachtetes Dasein unter den historischen Akteur:innen der Kleinkunst. Das Jahr 1936 steht in ihrer Karriere exemplarisch für ihre vielseitige Karriere und Präsenz im Wiener Kulturleben. Neben den Auftritten in Kabaretts, Heurigen, Kinos und Cafés leistet sie auch gerne Beiträge zu Wohltätigkeitsveranstaltungen: für die Armen des 10. Bezirks und die Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft genauso wie für legitimistische Studentenverbindungen und Organisationen der Vaterländischen Front. Illustriert mit Archivmaterialien aus der Österreichischen Mediathek bemüht sich dieser Beitrag, ein wenig Aufmerksamkeit auf die Biographie und Karriere des damaligen Publikumslieblings zu lenken.
